Ein Park soll neu gestaltet werden. Dafür wird ein Jugendgremium einberufen, das bei der Gestaltung mitbestimmt. Die Jungen fordern einen Fußballplatz, während die Mädchen sich eine gute Beleuchtung und viele Sitzmöglichkeiten wünschen. Die Jungen setzen sich mit ihren Forderungen durch. Woran liegt das?

„Mädchen sind weniger vom eigenen Talent überzeugt als Jungen!“

So titelte DIE ZEIT in einem Artikel über die Pisa-Studie 2018. Für die Studie wurden 500.000 Schüler*innen aus 72 Ländern befragt.

„Der Glaube, dass sie weniger talentiert sind als Jungen, kann das Selbstvertrauen von Mädchen beeinträchtigen und dazu führen, dass sie sich selbst schützen und daher herausfordernde Situationen und Chancen vermeiden“ schätzen Autor*innen ein.

Diese dramatischen, aber wenig überraschenden Ergebnisse zeigen, warum es so wichtig ist, Mädchen und junge Frauen politisch zu empowern. Trotzdem gibt es dazu kaum Projekte in Deutschland. Ich, Hannah Winkler, 19 Jahre alt und Bundesfreiwillige von Frauen aufs Podium, habe mich als Teil der Zielgruppe dazu entschieden, für vier Wochen zu Projekten der politischen Mädchenbeteiligung in Deutschland und vor allem in Brandenburg zu recherchieren. Mein Ziel dabei, herauszufinden wie viele Projekte in Deutschland aktuell angeboten werden und welche angewendeten Methoden sich als erfolgreich herausgestellt haben.

Wie kann man sich als junger Mensch überhaupt politisch beteiligen?

Die direkteste Art um als junger Mensch politisch aktiv zu werden sind Jugendgremien wie, beispielsweise, Jugendparlamente und Jugendbeiräte. Etwa 800 Jugendparlamente gibt es laut der „Initiative Starke Kinder- und Jugendparlamente“ in Deutschland. Die Initiative ist eine Maßnahme der Jugendstrategie der Bundesregierung und steht im Gesamtzusammenhang mit der Akademie der Kinder und Jugendparlamente. Standorte in Brandenburg sind die Stiftung Begegnungsstätte Gollwitz und das Kompetenzzentrum Kinder- und Jugendbeteiligung (KiJuBB), gemeinsam betreuen sie rund 40 Jugendparlamente. Damit es in den Gremien gerecht zugeht gibt es oft Parität und Gesprächsregeln, welche die Gleichstellung beachten. Obwohl ein hoher Mädchenanteil in den Gremien vertreten ist, spiegelt sich dies nicht bei der Besetzung wichtiger Posten wieder. Eine Auswirkung des Engagements junger Frauen und Mädchen bei der Beteiligung in der Kommunalpolitik ist nicht festzustellen. Auch direkte Projekte der Mädchenforderung laufen derzeit nicht.

Welche Initiativen gibt es für die politische Partizipation von jungen Frauen und Mädchen?

Projekte dieser Art werden jedoch von den Landesarbeitsgemeinschaften (LAGs) Mädchenpolitik angeboten.You matter! Mädchen_Power_Politik ist eines von drei Projekten der LAGs, welche die politische Teilhabe im Focus haben. Dabei wird auf „die politische und gesellschaftliche Partizipation von besonders benachteiligten Mädchen und jungen Frauen“ eingegangen. Weitere Projekte sind „Girls Go Politics“, eine digitale Veranstaltung welche durch Umfragen interaktiv gestaltet wurde und eine Postkartenaktion bei der Mädchen Fragen und Forderungen an Kommunalpolitiker*innen versenden konnten. Das aktuelle Projekt „Demokratie on Tour – Mädchen und junge Frauen reden mit!“ der LAG Bayern bietet kreative Workshops zur demokratischen Partizipation, unter anderem wird eine bayernweite Vernetzungskarte geführt. 2021 startete der Verein Frauen aufs Podium das Projekt „World Café“. 25 Teilnehmerinnen zwischen 16 und 25 Jahren besuchten die Tagesveranstaltung in Hamburg. Beim Workshop standen den Mädchen junge Politikerinnen als Vorbild zur Seite. Ein Auftakt für die Vernetzung und Aktivierung junger Frauen für ein politisches Engagement.

Weitere Initiativen in Brandenburg sind die „KUKMA Kontakt und Koordinierungsstelle für Mädchenarbeit im Land Brandenburg“ und das „Kompetenzzentrum Kinder- und Jugendbeteiligung Brandenburg“. Durch diese beiden Organisationen wurde letztes Jahr „der Fachtag Mädchen und Jugendbeteiligung“ veranstaltet und auch in Zukunft soll es mehr Mädchen Beteiligungsprojekte geben. Auch das „Kinder und Jugendbüro Potsdam“ ist Akteur in Brandenburg. Bei Jugendbeteiligungsprojekten werden Mädchen explizit ermutigt sich einzubringen und im Rahmen eines Projekts wird das Kennenlernen von Politiker*innen ermöglicht.

Wie sieht es mit dem Einbezug von Kindern und Jugend in den Parteien aus?

Am greifbarsten ist die politische Beteiligung für Jugendliche in den Jugendgruppen der Parteien. Gerade deshalb sollten vor allem die Parteien Maßnahmen zum Empowerment von jungen Frauen anbieten.

Die Linksjugend Brandenburg führt quotierte Redelisten, ein FLINTA* Plenum und einen Workshop zu feministischen Themen für Männer ein. „Um das binäre Verständnis von Geschlechterzugehörigkeit aufzubrechen“ verwendet die Grüne Jugend den Begriff „FIT*“ (Frauen, Inter und Trans Personen). Im Januar 2022 hat die Grüne Jugend „Gender Budgeting“ beschlossen, „dementsprechend sollten 50% der finanziellen Mittel der Grünen Jugend Brandenburg direkt oder indirekt zur Förderung von FIT*-Personen dienen. Daraus folgend sollten konkrete Maßnahmen ergriffen werden, um die strukturellen Geschlechterungleichheiten in unserem Verband zu bekämpfen und zu überwinden.“

Andere Jugendgruppen der Parteien bieten keine Programme zur politischen Stärkung für Mädchen und junge Frauen an. Den ersten politischen Kontakt erfahren Jugendliche oftmals in der Schule. An Interaktivität und Beteiligung fehlt es im Politikunterricht leider häufig. Durch mehr aktive Projekte würde den Schüler*innen ein besseres Demokratieverständnis vermittelt werden, außerdem wären sie sich im Klaren welche Möglichkeiten und Rechte sie in der politischen Welt haben. Der „Girls Day“ ist eine Möglichkeit für Mädchen einen Einblick in männliche geprägte Berufe zu bekommen. Ein politisch orientierter Girls Day wäre eine optimale Möglichkeiten einen direkten Einblick in den politischen Alltag zu ermöglichen.

Mädchen und junge Frauen wollen sich politisch beteiligen, aber es wird ihnen unheimlich schwer gemacht

In den Sozialen Medien zeigen Mädchen ein stärkeres politisches Interesse. Grund dafür könnte das Belohnungskonzept durch Likes und Reposts sein. Dieses System sollte in Organisationen übernommen werden um den Mädchen Wertschätzung für ihr politisches Engagement entgegen zu bringen. Um Mädchen politisch noch besser integrieren zu können wäre ein spezifisch zugeschnittenes Austausch- und Bildungsangebot rund um politische Themen vorteilhaft. Ohne akademisierte Sprache, Themen die wirklich interessieren und ohne Angst vor Sexismus oder Diskriminierung.

Das Fazit der vierwöchigen Recherche von Frauen aufs Podium lautet: Es sieht schlecht aus. Es gibt wenige direkte Projekte in den Jugendgruppen der Parteien, keinen Ansatz in der Bildung, Social Media wird zu wenig als Vernetzungs- und Organisationsort genutzt. Es gibt zwar viele Empowerment-Projekte, jedoch fehlt oft der politische Bezug. Vor allem fehlt ein Übergang zwischen Jugendengagement und politischer Arbeit. Auch die Sichtbarkeit dieses Themas im Netz lässt zu wünschen übrig. Die Recherche ist mühsam und oft trifft man auf Sackgassen. Die relevantesten Konzepte der Akteur*innen beinhalten, dass Mädchen Führungs- und Diskussionskompetenz erlernen, Möglichkeiten haben um sich zu engagieren und das Gefühl zu haben ernst genommen und wert geschätzt zu werden. Auch die Schaffung von Vorbildern und geschützten Räumen ist ein wichtiger Aspekt der politischen Stärkung von Mädchen* und jungen Frauen.

Eine vollständige Liste der Empfehlungen, die aus den Projekten erarbeitet wurde, kann angefragt werden unter: info@frauenaufspodium.org

Autorin: Hannah Winkler

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