Brandenburg – wir mischen uns ein“: Karola Gundlach, Bürgermeisterin von Lychen (Uckermark)

Mit Karola Gundlach hat Lychen seit 2016 erstmals eine Bürgermeisterin. Die Verwaltungsfachwirtin war bereits fester Bestandteil der Stadtverwaltung und hat als 1. Stellvertretende Bürgermeisterin das Bürgermeisteramt der Flößerstadt in Vertretung ihres Vorgängers geführt, lange bevor sie sich selbst zur Wahl stellte.

Frau Gundlach, was hat Sie bewogen, Bürgermeisterin zu werden?

Ich war seit 2008 bereits die 1. Stellvertreterin des Bürgermeisters. 2014 erkrankte mein Bürgermeister und wurde ab 2016 in den Ruhestand versetzt. Ich musste in dieser Zeit alle Aufgaben übernehmen. 2016 stand die Neuwahl an. Da ich die Aufgaben schon über einen längeren Zeitraum erledigt habe, ich Zuspruch von vielen Bürgern bekam, ich ja nichts zu verlieren hatte und mir die Arbeit Spaß gemacht hat, habe ich mich zur Wahl gestellt und wurde so die 1. Bürgermeisterin (es gab immer nur Männer) von Lychen.

Was denken Sie, war der Grund für Ihre Wähler*innen, Ihnen ihre Stimme zu geben?

Erst einmal war es für die Bürger wichtig, dass sie mich kannten. Sie kannten meine Arbeit aus der Übergangszeit, und ich glaube, da habe ich einiges richtig gemacht. Ich war und bin parteilos. Die Wähler hatten Vertrauen zu mir.

Warum engagieren Sie sich unabhängig von einer Partei?

Ich brauche keine Partei. In einer kleinen Stadt läuft die Wahl eher als Personenwahl ab. Letztendlich vertrete ich die Stadt Lychen, und das sind alle.

Wie sieht Ihr typischer Arbeitstag aus?

Mein Arbeitstag beginnt so kurz nach 7 Uhr. Ich gucke die Post durch, verteile, habe Schriftverkehr zu führen – also Bürgern zu antworten, an Institutionen zu schreiben – und mache Sachaufgaben. Zwischendurch kommen Telefongespräche. Es gibt immer Gespräche mit Mitarbeitern der Verwaltung, des Hortes und des Bauhofes oder der Schule. Ich bin ja eben auch Hauptverwaltungsbeamtin und für meine Mitarbeiter verantwortlich. Oft liegen Beratungen an in Lychen oder anderen Städten. Ich gehe auch oft zu Geburtstagen der Senioren, begrüße Babys der Stadt. So gibt es viele Dinge. In der Woche habe ich meistens zweimal späte Versammlungen. Ich bin frühestens um 17 Uhr (außer freitags), oft aber auch erst 22 Uhr (manchmal 23 Uhr) zu Hause.

Was ist wichtig für dieses Amt?

Ich finde, man muss immer über fast alles Bescheid wissen. Man muss mit Menschen umgehen können und versuchen, neutral zu sein. Man muss gerade in einer kleinen Kommune Ansprechpartner für die Menschen sein. Die Menschen müssen sehen, dass man sich kümmert. Vertrauenswürdigkeit, Glaubwürdigkeit, Bürgernähe und Durchsetzungsfähigkeit sind wichtige Eigenschaften. Man kann auch mit einer gewissen Taktik, Feingefühl, Ruhe und Besonnenheit punkten.

Was denken Sie ist der Grund, warum in Brandenburg nur 9,1 % aller Bürgermeister*innen (Amtsrät*innen, etc.) Frauen sind?

Es gibt so wenige Frauen, weil die Männerwelt es ihnen nicht zutraut, weil es immer noch Vorurteile bei den Menschen gibt, weil die Männer vielleicht lauter, energischer, unberechenbarer usw. sind. Vielleicht trauen sich die Frauen auch nicht. Ich denke, dass Frauen vielleicht durch Kinder, Haushalt nicht die nötige Zeit haben und daher lieber zurückstecken.

Was müsste sich ändern, damit mehr Frauen in eines dieser Ämter gewählt werden bzw. sich zur Wahl stellen?

Die Männer sollten die Frauen unterstützen und als gleichwertig ansehen und sich auch von Frau was sagen lassen.

Setzen Sie andere Prioritäten als Ihre männlichen Kollegen?

Ich glaube, die Prioritäten sind schon gleich, aber ich bin wohl ruhiger, besonnener.

Was möchten Sie in Ihrer Gemeinde erreichen?

Ich möchte erreichen, dass sich die Gemeinde gut entwickelt, dass der Neid untereinander weniger wird, dass es für alle selbstverständlich ist, sich für seine Stadt einzusetzen bzw. einen Beitrag zu leisten.

Das Gespräch führte Mariana Friedrich.

Foto Karola Gundlach: Stadt Lychen

Unsere Blogreihe „Brandenburg – wir mischen uns ein

Im zweiten Jahr unseres auf fünf Jahre angelegten Projektes „Brandenburg – ich misch‘ mich ein: Für mehr Frauen in der Politik“ geht es um die politischen Strukturen. Und wer kennt die besser als diejenigen, die bereits mitmischen? In unserer Blogserie „Brandenburg – wir mischen uns ein“ stellen wir jeden Monat eine starke Frau vor, die sich hier in der Region einbringt und mitgestaltet. Auf welche Hürden trifft sie dabei? Was hindert Frauen ihrer Meinung nach, sich politisch zu engagieren? Und wo brauchen wir gerade weibliche Perspektiven? Sie verraten es uns.