„Wenn Sie Visionen haben, dann sollten Sie Feministin werden“, sagte die Journalistin Teresa Bücker in ihrem Vortrag „Feministische Utopien“ am 5. Februar 2020 an der Universität Bonn. „Feminismus gibt selten Antworten. Feminismus lädt zum Denken ein. Er lädt dazu ein, groß zu denken, utopisch.“
Die Ungerechtigkeit unbezahlter Arbeit

Weltweit leisten Frauen und Mädchen über zwölf Milliarden Stunden Haus-, Pflege- und Fürsorgearbeit – unbezahlte Arbeit, die Milliarden an Werten schafft. Silvia Federici, italienische Feministin und Philosophin, forderte schon in den 70er Jahren die Entlohnung der Haushalts- und Fürsorgetätigkeit. Sie ist eine der wichtigsten Vertreterinnen der in den USA entstandenen Kampagne „Lohn für Hausarbeit“. Dabei geht es nicht darum, Hausarbeit zu institutionalisieren. Es geht darum, ‚Nein!‘ zu sagen zu unbezahlter Arbeit im Kapitalismus. Denn Frauen, die den Haushalt alleine stemmen, und ihren Männern damit den Rücken freihalten, machen sich oft nicht nur abhängig, sie verarmen.

Für Federici ist Reproduktionsarbeit, und damit meint sie all die Tätigkeiten, die im erweiterten Familienumfeld anfallen, die Grundlage aller anderen Arbeiten. Diese Sorgearbeit wird allerdings nicht rechenbar gemacht und damit nicht als Arbeit wahrgenommen.

Wusstet ihr, dass der Begriff „Hausfrauenlohn“ 1972 von dem Radikaldemokrat und Künstler Joseph Beuys erfunden worden sein soll? Auf der dokumenta5 schrieb er auf eine Schiefertafel die Forderung nach einem Hausfrauengehalt. Dies soll für alle – auch für Männer – gezahlt werden, die sich hauptsächlich um ihre Kinder kümmern. Schon die Debatte darüber, postulierte Beuys, sei Kunst, denn allein der Gedanke erschüttere den herrschenden Arbeits-, Rechts- und Freiheitsbegriff.

Federici argumentiert, dass die feministische Bewegung es zwar geschafft habe, Ausbeutung von Frauen sichtbar zu machen, betont aber auch, dass sie bisher keine Strategie gefunden habe, diese Verhältnisse zu ändern.

Feministische Utopien – Ein Blick in das Postwachstum

Deswegen dürfen wir Gleichstellung als ökonomische Frage mit kapitalismuskritischen Konsequenzen nicht ignorieren. Seit den 80ern existiert national wie international ein wachstumskritischer feministischer Diskurs, auch Postwachstum oder Degrowth genannt. Grundlage dieses Diskurses ist das Eisbergmodell. Von einem Eisberg ist bekanntlich nur die Spitze sichtbar. Das, was als Wirtschaft identifiziert wird – Waren, Lohnarbeit, Investitionen –, ist ebendiese Spitze. Sämtliche Tätigkeiten, die „unter der Wasseroberfläche“ stattfinden, bilden das unsichtbare Fundament.

Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) beispielsweise misst nur Geldströme, also die Spitze des Eisberges. Andere Wirtschaftsformen – Schenken, Tauschen, Leihen, Sammeln oder Teilen etc. – sind für das BIP unsichtbar. Damit wird der Kapitalismus als rationales und alternativloses Wirtschaftsmodell immer wieder legitimiert und stabilisiert, während es für eine geschlechtergerechte Gesellschaft notwendig wäre, sich der Förderung einer Postwachstumsökonomie zuzuwenden.

Ethik des Sorgens

Das Netzwerk Vorsorgendes Wirtschaften (2012) schlägt eine Wirtschaftsweise vor, bei der alle Tätigkeiten gleichermaßen als Produktivität gelten. Grundlage des vorsorgenden Wirtschaftens ist eine Ethik des Sorgens, die zu einer Vorsorgerationalität führt, die dem Lebenserhalt dient und drei Impulse beinhaltet:

  1.  vorsorgen statt nachsorgen,
  2. kooperieren statt konkurrieren,
  3.  Orientierung am für das gute Leben Notwendigen statt an Wachstumsraten.

Federici formuliert dafür die Idee der solidarischen Ökonomie, die sie „Commons“ nennt: Wasser, Land, Fischbestände und Wald, all diese materiellen Ressourcen sowie ideelle wie Sprache und Wissen sollen als Gemeingüter aufgefasst und gemeinschaftlich bewirtschaftet werden. Gerade Frauen sind in der Position, diese Entwicklung voranzutreiben, betont sie.

Wirksame Beziehungen aufbauen

Ein Teil des Kampfes ist es für Federici, wirksame Beziehungen zwischen Frauen aufzubauen: „Dazu müssen wir soziale Momente schaffen. Wir brauchen Räume, in denen wir zusammenkommen, um Freude und Kreativität in unser Leben zu bringen.“

In Brandenburg startete am 4. März die 30. Brandenburgische Frauenwoche. Mit dem Motto „Zurück in die Zukunft“ soll aufgezeigt werden, was Frauen in den vergangenen 30 Jahren erreicht haben. Davon ausgehend fragen wir: Wie soll die Gesellschaft aussehen, in der wir leben wollen?

Lasst uns dabei im Sinne von Teresa Bücker groß denken, femministische Utopien entwickeln. Lasst uns mutig in die Zukunft blicken. Lasst uns Vertrauen ineinander haben und voneinander lernen. Lassen wir uns nicht sagen, was alles nicht möglich ist. Unsere gesellschaftliche Weiterentwicklung braucht Menschen, die an neue Wege glauben.

Die Frauenwochen schaffen Räume, um sich zu begegnen, zu feiern, Beziehungen zu stärken, um über unsere Zukunft zu diskutieren und auch, um in politisch bewegten Zeiten einen wachstumskritischen, ökologischen und feministischen Diskurs zu wagen.
Es grüßt euch
Martina Trauth!

Fotos: unsplash.com/Matheus Ferrero