Das politische Terrain in Deutschland, nicht nur in Brandenburg, wird von Männern dominiert. Der Verein “Frauen aufs Podium” wurde ins Leben gerufen, um das zu ändern.

Von Katja Schubel

Ich treffe Bettina Praetorius, die Gründerin des Vereins “Frauen aufs Podium”, an einem Februartag unter einem frühlingshaften, wolkenlosen Hellblau in einem kleinen Café am Griebnitzsee. Wir sind aber nicht zusammengekommen, um das Wetter zu genießen, auch wenn das schon Grund genug wäre. Wir sind hier, um darüber zu sprechen, welche Rolle Geschlecht – noch immer – im demokratischen Kontext zukommt. Frauen haben seit über hundert Jahren nun in Deutschland das aktive und passive Wahlrecht; sie machen nebenbei die prozentuale Mehrheit der Bevölkerung aus. Sie dürften, wenn sie wollten, Teil der Entscheidungsprozesse sein. Immer noch sagen die Zahlen der Abgeordnetensitze, die nicht von Männern besetzt sind, etwas anderes: Da ist Luft nach oben.

Das Stichwort heißt also Veränderung, schrittweise. Was erfordert, sich mit den Ursachen dessen auseinanderzusetzen, (nicht nur) technisch. Klingt nach einem langatmigen Prozess, nach der Notwendigkeit durchzuhalten. Geduld bedeutet aber nicht Muße und Akzeptanz; und schon gar nicht, dass man da einfach zusehen muss – richtig, Frau Praetorius? Von selbst haben sich wichtige gesellschaftliche Umbrüche schließlich noch nie gestaltet: Es bedarf einer nachhaltigen Strategie.

Unser Gespräch ist jetzt einige Monate her, es fand noch statt in einer Zeit, als Hände schütteln grundsätzlich eher kein ziviler Ungehorsam war. Wir hielten auch keinen Mindestabstand ein, weil es noch außerhalb unserer Vorstellungskraft lag, dass wir so was überhaupt mal müssten. Warum auch? Heute wissen wir es, wegen einem Virus namens Covid-19, das unser aller Realität verändert hat: Vor allem die vieler Frauen, die sich plötzlich wieder am Herd stehen sehen (vielleicht mit einem Buch in der Hand, nebenbei das Kind mit einem Auge fixiert). Homeoffice erblüht ungefragt in der Gegenwart und zeigt unverhofft, zu oft (an vielen persönlichen Einzelbeispielen), wie schnell selbst bereits erlangte Erfolge in Sachen Emanzipation und Gleichberechtigung wieder brüchig werden können.

Ihr Verein heißt “Frauen aufs Podium”.  Warum so eine exklusive Förderung? Sollen Männer nicht aufs Podium? Was hat das Geschlecht mit politischer Aktivität zu tun?

Praetorius: Es geht hier nicht in erster Linie um Auftritte auf dem Podium. Der Name „Frauen aufs Podium“ bedeutet vor allem, dass wir für Frauen mehr Sichtbarkeit, mehr Macht und Einfluss wollen. Ein Anteil von 50% für jedes Geschlecht.

Woran liegt es, dass weibliche* Perspektiven in der Politik fehlen?

Praetorius: Das Wahlrecht für Frauen wurde erst vor 100 Jahren eingeführt. Seitdem ist nur wenig unternommen worden, um Frauen eine gleichberechtigte politische Beteiligung und Interessenvertretung zu ermöglichen. So liegt bis heute der Anteil von Frauen in der Politik bei ungefähr 30%. Wenn Frauen nicht gleich vertreten sind, werden ihre Interessen nicht genug wahrgenommen, die weibliche Perspektive bleibt auf der Strecke. Deswegen haben wir am 19. Januar 2019 – genau 100 Jahre nach den ersten Wahlen in Deutschland, an denen Frauen wählen und gewählt werden durften – den Verein „Frauen aufs Podium“ gegründet.

Wie soll es gelingen, mehr Frauen in die Politik zu holen?

Praetorius: Es gibt verschiedene Ansätze, die dazu beitragen können – dazu gehört auch das Parité-Gesetz, das aber Parité auf allen Ebenen und auch bei den Direktmandaten einfordern sollte. Das von uns entwickelte Programm „Brandenburg – ich misch‘ mich ein: Für mehr Frauen in der Politik“ greift die fünf häufigsten Faktoren, die die gleiche Vertretung von Frauen in der Politik positiv beeinflussen können, auf. Diese sind:

  1. Persönliche Stärkung und Aufbau von Netzwerken
  2. Veränderung der politischen Strukturen für eine frauen-/familienfreundlichere Kultur
  3. Mentoring – Vorbilder finden und von ihnen lernen
  4. Öffentlichkeitskampagne – damit die Wahl von Frauen in politische Ämter, gerade auch auf dem Land, selbstverständlicher wird
  5. Wahlkampfhilfe – damit Frauen es erfolgreich auf die vorderen Listenplätze bzw. als Direktkandidatin schaffen
Sie glauben an die Frauenquote. Was, wenn ich Ihnen sage, dass ich finde, eine Frauenquote ist etwas [für] faule Frauen?

Praetorius: Wir sehen die Frauenquote als notwendiges Mittel, um eine jahrhundertelange Bevorteilung von Männern bzw. systematischen Ausschluss von Frauen auszugleichen. Viel zu lange gab es reine Männerquoten zu 100% – nicht nur bei den Wahlen.

Warum soll es gelingen, mehr Frauen in die Politik zu holen?

Praetorius: Wir leben in einer Demokratie. Demokratie bedeutet die Interessenvertretung aller Bürger*innen zu gleichen Teilen. Tatsächlich jedoch sind es überwiegend Männer, die in unserem Land weitgehende Entscheidungen treffen. Auch gibt es immer weniger Menschen, die bereit sind, sich politisch in einer Partei oder in einem freien Wählerverband zu engagieren. Wenn wir unser demokratisches Selbstverständnis ernst nehmen, brauchen wir eine gleichmäßige Interessenvertretung von Frauen und Männern. Tatsächlich würden wir alle davon profitieren, wenn wir es schaffen, die bestmöglichen Ideen und Potentiale zu schöpfen, um aktuelle Herausforderungen zu meistern.

Wo sehen Sie Herausforderungen für Frauen in der Politik?

Lange Sitzungszeiten, Kaminzimmerabsprachen, gesellschaftliche Stereotype, geringe Bereitschaft für einen kulturellen Wandel, geringerer Verdienst im Normalberuf und die Mehrbelastung durch Sorgearbeit. Kurz gesagt: Frauen haben weniger Zeit und Geld, um sich für ein sichtbareres politisches Engagement freizuschaufeln. Gleichfalls mangelt es noch immer an Vorbildern, Netzwerken und der Bereitschaft, Macht abzugeben.

Denken Sie, das Paritätsgesetz in Brandenburg wird die Lage etwas verbessern?

Praetorius: Ja, weil dadurch der Druck auf die Parteien, sich endlich ernsthaft mit der Frage „wie gewinnen wir mehr Frauen für unsere Listenplätze“ zu beschäftigen, wächst. Insgesamt hat das Parité-Gesetz zu mehr Mut unter Frauen für eine stärkere politische Interessenwahrnehmung geführt. Jetzt müssen wir allerdings die Voraussetzungen innerhalb und außerhalb der Parteienlandschaft schaffen, damit Parität auch Wirklichkeit wird.

Mit wem arbeitet “Frauen aufs Podium” zusammen?

Praetorius: Für das Programm „Brandenburg – ich misch‘ mich ein: Für mehr Frauen in der Politik“ arbeiten wir zusammen mit vielen Gleichstellungsbeauftragten im Land Brandenburg, dem Frauenpolitischen Rat, den Parteien und anderen Organisationen. Für unser anderes großes Projekt, ein Kommunikationskonzept zur Beschleunigung der Gleichstellung in der deutschen Gesellschaft, stehen wir bundesweit in Kontakt mit Privatpersonen, Unternehmen und Organisationen. Wir sind sehr dankbar, dass wir für die Umsetzung unserer Ideen finanzielle Unterstützung durch das Ministerium für Soziales, Gesundheit, Integration und Verbraucherschutz (MSGIV), der Brandenburgischen Landeszentrale für politische Bildung sowie dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend und einigen privaten Spender*innen erhalten.

Was freut Sie an dem bisherigen Schaffen von “Frauen aufs Podium”?

Praetorius: Das erste Jahr von „Brandenburg – ich misch‘ mich ein: Für mehr Frauen in der Politik“ war ein großer Erfolg. Wir hatten 54 zufriedene Teilnehmerinnen in unseren Workshops. Der überparteiliche Ansatz hat zu neuen Verbindungen geführt, die sich in jedem Fall positiv auf die eigene Motivation ausgewirkt und für mehr Solidarität unter den Frauen geführt haben.

Was steht in diesem Jahr an?

Praetorius: Im Rahmen von „Brandenburg – ich misch‘ mich ein“ gehen wir in diesem Jahr an die politischen Strukturen. Hier wird es zwei Workshops – im Oktober 2020 und im Februar 2021 – geben. Diese richten sich gleichermaßen an politisch engagierte Frauen und Männer. Ziel ist, dass die Teilnehmer*innen Wege und Strategien erarbeiten, die eine Veränderung der Strukturen im politischen Umfeld möglich machen. Aufgrund des erfolgreichen ersten Jahres zum Thema „Empowerment“ wiederholen wir die erste Workshop-Reihe in Cottbus, Königs Wusterhausen und Blossin. Gleichfalls steht das Kommunikationskonzept zur Beschleunigung der Gleichstellung in Deutschland sowie der Aufbau eines politischen Netzwerkes auf unserer Agenda. Informationen und Anmeldung zu den Workshops finden sich hier.

Wie kann ich mich beteiligen?

Praetorius: Politisch Interessierte bzw. engagierte Frauen – oder die, die es nach dem Lesen dieses Artikels werden wollen – können sich ab sofort auf unserer Homepage für die Workshops anmelden. Gleichfalls kann man bei der Kommunikationsstudie mitmachen. Damit wir weiterhin innovative Ideen planen und umsetzen können, sind wir nach wie vor dringend auf Spenden angewiesen. Es ist einfach so, dass nur mithilfe von Spenden der professionelle Einsatz für die Gleichstellung möglich ist.

Mehr Infos gibt es unter:

https://frauenaufspodium.org/

https://www.facebook.com/FrauenAufsPodium/

Das Interview führte Katja Schubel für speakUP. Es ist erstmal auf speakup.to erschienen.