Wie sehen männliche Politiker die aktuelle Situation von Frauen in der brandenburgischen Kommunalpolitik?
Wie bewerten Sie die aktuelle Situation von Frauen in der brandenburgischen Kommunalpolitik? Diese Frage stand im Mittelpunkt einer Online Umfrage, die sich ausschließlich an männliche Kommunalpolitikern in Brandenburg richtete. Unser Ziel: Wie ist die aktuelle Einschätzung zum Thema „Gleichstellung in der Kommunalpolitik“ und wo können wir ansetzen? Von den 289 Teilnehmern war die Hälfte über 50 Jahre alt. Ein Drittel war neu in der Kommunalpolitik, ein Fünftel besaß bereits mehr als 20 Jahre Erfahrung. Besonders häufig vertreten waren Gemeinde- und Stadtverordnete – also Akteure auf der Ebene, wo Gleichstellungspolitik im Alltag konkret gestaltet (oder blockiert) werden kann. Aber auch Personen in Leistungsfunktionen waren vertreten, was die Vielfalt der Perspektiven stärkt. Insgesamt hat die Umfrage eine breite kommunalpolitische Basis erreicht.
Unterschiedliche Wahrnehmung
Die Einschätzungen zur Repräsentanz von Frauen zeigen ein breites Meinungsspektrum. Viele Männer sehen Verbesserungsbedarf, einige empfinden die Situation als zufriedenstellend und ein kleiner Teil sogar als vorbildlich. Die Uneinigkeit in der Bewertung deutet darauf hin, dass Gleichstellung sehr unterschiedlich wahrgenommen wird.
Noch spannender wird es bei den Aussagen zu strukturellen Problemen: Während ein Teil der Befragten Gleichstellung nicht als dringliches Thema einstuft, erkennt ein anderer Teil durchaus Hürden – etwa eine männlich geprägte Kultur, unterschiedliche Maßstäbe für Frauen oder sexistische Erfahrungen. Dies zeigt eine gewisse Ambivalenz: Probleme werden erkannt, aber nicht durchgängig als systematisch oder relevant eingeordnet.
Die genannten Herausforderungen für Frauen, insbesondere Vereinbarkeit von Amt und Familie sowie fehlende Vorbilder, verweisen auf tief verwurzelte strukturelle Barrieren. Gleichzeitig empfindet eine nennenswerte Gruppe diese Probleme nicht als gravierend. Daraus lässt sich schließen: Das Problembewusstsein ist allenfalls punktuell vorhanden.
Familienfreundliche Sitzungstermine statt Quote
Die Umfrage zeigt auf, dass Gleichstellungsmaßnahmen mit unmittelbarem Praxisbezug, wie z.B. familienfreundliche Sitzungstermine, deutlich mehr Zustimmung als strukturverändernde Instrumente wie Quotenregelungen oder gendergerechte Sprache.
Diese Präferenz für pragmatische Ansätze zeigt, dass viele Männer bereit sind, Gleichstellung zu unterstützen – solange dies nicht als ideologische oder politische Positionierung empfunden wird. Projekte, die Gleichstellung mit konkreten Verbesserungen im Arbeitsalltag verknüpfen, haben demnach gute Erfolgsaussichten. Die Selbsteinschätzung des eigenen Engagements verdeutlicht ebenfalls, dass ein Teil der Befragten bereits aktiv ist – aber viele sich (noch) nicht zuständig fühlen. Die verbreitete Haltung „Gleichstellung ist nicht meine Aufgabe“ verweist auf eine tiefere Herausforderung: die Frage nach der eigenen Verantwortung als Mann in Gleichstellungsprozessen.
Offen für positive Beispiele
Gleichzeitig gibt es eine klare Botschaft: Viele Männer sind offen für das Thema Gleichstellung und wollen sich mit Gleichgesinnten darüber austauschen. Besonders gewünscht ist eine konkrete Unterstützung in Form von Praxisbeispielen – also Erfolgsgeschichten, wie Gleichstellung gelingen kann. Auch Rückhalt aus der eigenen Partei oder Fraktion spielt eine wichtige Rolle. Gleichstellung für viele Kommunalpolitiker kein akutes Anliegen ist – aber auch kein abgelehntes Thema. Die Tür ist offen, aber sie muss aktiv durchschritten werden.
Autor: Marvin Jahn




