„Brandenburg – wir mischen uns ein“: Annett Jura, Bürgermeisterin von Perleberg

Als Annett Jura 2015 Bürgermeisterin von Perleberg wurde, hatte sie vor allem ein Ziel: den Zwist zwischen Bürgermeister und Stadtverordneten zu beenden und den Fokus wieder auf das Wohl der Stadt zu lenken. Inzwischen trägt die Rolandstadt die Handschrift der Juristin. Was sie an ihrem Amt liebt, erzählt sie uns.

Frau Jura, was hat Sie bewogen, Bürgermeisterin zu werden?

Als ich gefragt wurde, ob ich gegen den Amtsinhaber bei der nächsten Wahl antreten möchte, habe ich nach kurzer Bedenkzeit und Rücksprache mit meiner Familie zugesagt. Der Grund ist ganz simpel: Ich bin Perlebergerin und möchte mich für meine Stadt engagieren. Mit der Arbeit des Amtsinhabers war ich unzufrieden, und es hat mich insbesondere gestört, dass es eine schlechte Stimmung in der Stadtverordnetenversammlung gab, Bürgermeister und Stadtverordnete arbeiteten nicht vertrauensvoll zusammen. Das wollte ich unbedingt ändern, und so war ich motiviert, mich um das Amt zu bewerben.

Was denken Sie, war der Grund für Ihre Wähler*innen, Ihnen ihre Stimme zu geben?

Die Gründe, mich zu wählen, waren individuell und vielfältig. Soweit ich das aus Gesprächen mit Wählerinnen und Wählern erfahren habe, gab es vor allem drei: Ein Grund war, keine zweite Amtszeit des Amtsinhabers zuzulassen. Dazu kam, dass die Einwohnerinnen und Einwohner es leid waren, den Zwist zwischen Bürgermeister und Stadtverordneten zu ertragen. Schlussendlich haben mich andere auch einfach gewählt, weil ich eine Frau mit Berufserfahrung und Perlebergerin bin. Ich bin hier aufgewachsen, zur Schule gegangen, habe meinen beruflichen Einstieg in Perleberg begonnen. Das war ein großer Vorteil und ist es auch heute im Amt.

Wie sieht Ihr typischer Arbeitstag aus?

Den typischen Arbeitstag gibt es nicht. Das ist das Schöne am Amt der Bürgermeisterin. Ich schätze es sehr, dass kein Arbeitstag dem anderen gleicht. Da gibt es Tage, an denen man von Beratung zu Beratung eilt und an denen selbst in Abendstunden noch hitzige Diskussionen mit den Stadtverordneten zu führen sind. An anderen Tagen will ein riesiger Poststapel bewältigt werden, ein Unternehmer hat um ein Gespräch gebeten, eine Gratulation zum Firmenjubiläum oder zum 90. Geburtstag steht an. Die Aufgaben als Verwaltungschefin und Repräsentantin der Stadt sind vielfältig. Mir liegt es, zwischen den Sachthemen zu springen, und ich genieße die Bürgernähe.

Was ist wichtig für dieses Amt?

Meines Erachtens muss ein Hauptverwaltungsbeamter zunächst ein guter Zuhörer und Beobachter sein. Um dann die bestmöglichen Entscheidungen zu treffen, benötigt man vor allem beste fachliche Expertise aus dem eigenen Hause und Ausdauer – viele Verfahren ziehen sich leider über Monate oder Jahre hin – sowie diplomatisches Geschick. Darüber hinaus ist es unerlässlich, mit allen Gesprächspartnern, d. h. Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, Stadtverordneten sowie Bürgerinnen und Bürgern, auf Augenhöhe zu kommunizieren. Es ist wichtig, „die Bodenhaftung“ nicht zu verlieren. Gerade die Einwohnerinnen und Einwohner müssen sich sicher sein können, dass sie sich jederzeit an die Bürgermeisterin wenden können. Da darf es keine Berührungsängste geben.

Was denken Sie ist der Grund, warum in Brandenburg nur 9,1 % aller Bürgermeister*innen (Amtsrät*innen, etc.) Frauen sind?

Hierüber habe ich mir bisher keine Gedanken gemacht. Ich kann mir jedoch vorstellen, dass Frauen vielleicht die hohe Arbeitsbelastung fürchten oder sich keine Erfolgschancen bei der Wahl ausrechnen.

Was müsste sich ändern, damit mehr Frauen in eines dieser Ämter gewählt werden bzw. sich zur Wahl stellen?

Diese Frage kann ich Ihnen nicht beantworten. Das müssen Sie Frauen fragen, die sich bisher gegen das Amt bzw. eine Kandidatur entschieden haben. Für mich gab es keinen Grund, der gegen eine Kandidatur sprach. Wenn man motiviert ist, sich für seine Stadt/seine Gemeinde zu engagieren und die Öffentlichkeit des Amtes nicht scheut, ist es eine wundervolle Aufgabe. Gerade die Öffentlichkeit des Amtes ist in einer Kleinstadt oder Gemeinde etwas, womit man sich im Vorfeld auseinandersetzen muss. Dort ist man praktisch immer im Amt. Ich bin jeden Tag dankbar, dass ich das Amt der Bürgermeisterin bekleiden darf.

Setzen Sie andere Prioritäten als Ihre männlichen Kollegen?

Das ist möglich. Allerdings habe ich diesen Vergleich noch nicht gezogen. Meine Devise ist: Als Bürgermeisterin bin ich nur so gut im Amt, wie mich meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter machen. Man muss sich auf die Fachleute im eigenen Hause verlassen können. Zudem erwarte ich absolute Loyalität. Deshalb muss man sich zunächst um das Arbeitsklima kümmern. Wenn die Stimmung schlecht ist, überträgt sich das auf die Arbeitsmotivation und das gesundheitliche Wohlbefinden der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Mir war es daher ein Anliegen, dass wir das Gesundheitsmanagement zielorientiert auf- und ausbauen und dass es eine konstruktive Zusammenarbeit mit dem Personalrat gibt.

Was möchten Sie in Ihrer Gemeinde erreichen?

Eines habe ich schon geschafft: Es gibt seit meinem Amtsantritt ein sehr gutes Arbeitsklima in der Stadtverordnetenversammlung. Wir sind zwar nicht immer einer Meinung, aber wir diskutieren konstruktiv und ergebnisorientiert. Darüber hinaus gibt es viele Themen, die für Perleberg in den nächsten Jahren herausfordernd sind. So werden der Erhalt der historischen Bausubstanz sowie der Sozial- und Bildungsinfrastruktur, die Wirtschaftsförderung, einschließlich der Belebung der Innenstadt, und die Themen Digitalisierung und Klimaschutz Schwerpunkte sein. Dabei denken wir bei allen Fachthemen das übergreifende Thema Familienfreundlichkeit mit. Wir sind eine familienfreundliche Stadt, setzen jedoch auch alles daran, noch besser zu werden und dies auch zu vermarkten.

Das Gespräch führte Mariana Friedrich.

Foto: Ellmenreich/Stadt Perleberg

 

Unsere Blogreihe „Brandenburg – wir mischen uns ein“

Im zweiten Jahr unseres auf fünf Jahre angelegten Projektes „Brandenburg – ich misch‘ mich ein: Für mehr Frauen in der Politik“ geht es um die politischen Strukturen. Und wer kennt die besser als diejenigen, die bereits mitmischen? In unserer Blogserie „Brandenburg – wir mischen uns ein“ stellen wir jeden Monat eine starke Frau vor, die sich hier in der Region einbringt und mitgestaltet. Auf welche Hürden trifft sie dabei? Was hindert Frauen ihrer Meinung nach, sich politisch zu engagieren? Und wo brauchen wir gerade weibliche Perspektiven? Sie verraten es uns.