Ende vom Generationenkrieg – wollen vielleicht doch alle Feminist*innen dasselbe?

“Die Second Wave Feministinnen wirken so verbittert.”
“Die Jungen Frauen verlieren völlig aus den Augen, worum es eigentlich geht!”

Es scheint, als wären die Ideen unvereinbar. Als wäre die Weltsicht so grundsätzlich verschieden, dass die Frauenbewegung in unterschiedliche Richtungen segelt.Und gleichzeitig überschlagen sich die Wellen: Aktuell stehen sich Feminist*innen aus drei Generationen Feminismus gegenüber.Drei Generationen mit unterschiedlichen Ansichten, wie man vorangeht. Aber auch mit unterschiedlichen Zielen?

Wir zeigen Ihnen, warum Sie eben nicht die Hoffnung in der Diskussion mit Ihren Müttern oder Kindern verlieren sollten. Und warum wir gar nicht unbedingt die gleiche Weltsicht brauchen, um Seite an Seite denselben Weg zu gehen.

Was sind die grundlegenden Unterschiede?

Klar, es gibt sie, die Punkte über denen sich Feminist*innen unterschiedlicher Generationen stundenlang in Streitgesprächen verlieren können. Im besten Fall herzlich bei einem Wein, schlimmer in ausufernden Twitter-Attacken.

Das sind die 3 zentralen Punkte:

1. Gender-Identität als Selbstverwirklichung

Was für Gender-Gegner*innen der Inbegriff der Verweichlichung der Frauen-Kämpfe ist, ist für die anderen eine logische Dekonstruktion von Machtstrukturen – was ja genau das Ziel aller Feminist*innen ist, oder?
Vielleicht geht es hier auch um die Eigenart einer Generation keinen Stein unumgedreht zu lassen, um Gewohntes zu hinterfragen und sich selbst auszudrücken. Selbstverwirklichung jenseits von gesellschaftlichen Normen – auch etwas, das nach Freiheit klingt!
Eine übersichtliche Beleuchtung der Argumente um diesen Punkt liefert der Artikel im Tagesspiegel “Weniger Gender, mehr Feminismus”.

Schlussendlich steht im Mittelpunkt die Frage: Wie können wir für etwas kämpfen, das wir selbst dekonstruieren?

2. Intersektionalität

Eine  grundlegende Veränderung in den letzten Jahren in den feministischen Debatten: Feminismus kann nicht mehr ohne andere Diskriminierungsformen gedacht werden.
Was heißt das? Eine Frau ist nicht wie die andere, denn eine Woman of Color macht andere Diskriminierungserfahrungen als eine weiße Frau und diese wiederum andere Erfahrungen als eine Frau mit Behinderung.
Hier gilt: Jede Erfahrung ist anders und Intersektionalität muss mitgedacht werden. Außerdem spiegelt sich hier auch die Kritik diverser People of Color wider – Der Feminismus ist zu weiß. Das bringt auch Glennon Doyle Melton in ihrer SuperSoulSession zum Ausdruck: Weiße Frauen folgen, schwarze Frauen führen.
Alles mitdenken – erneut kann man mit der Frage rechnen: Verwäscht das nicht die Kraft der Frauenkämpfe?

3. Weniger Politik

Das Private muss politisch werden. Das sind die Forderungen des Feminismus vor einigen Jahrzehnten – Dinge besprechbar machen ist heute immer noch wichtig. Häusliche Gewalt IST eben politisch und darüber zu sprechen kann Veränderungen verursachen.
Nicht nur die Forderungen heute sind anders. Sie drehen sich mehr ums Ökonomische: gleichberechtigte Bezahlung, Vereinbarkeit von Familie und Beruf.
Besonders ist eine Erkenntnis neu und wertvoll: Es geht nicht (nur) um fehlende Frauenförderungen, sondern um unsere Bilder im Kopf. Solange wir in Machtstrukturen denken, solange wir z. B. Care-Tätigkeiten geringer bewerten als andere Arbeiten und solange immer noch Entscheidungspositionen männlich besetzt sind, wird sich nichts ändern.
Wie kommen wir in die Köpfe der Menschen?

Wo und wie können wir voneinander lernen?

Den Frauenbewegungen der 70er und 80er lag ein ganz besonderer Zauber inne: Es steckt eine unglaubliche Kraft im solidarischen Miteinander. Im gemeinsamen Kampf für ein Ziel – die Gleichberechtigung.
Das wünschen wir uns heute immer noch. Also was können wir tun anstatt die Solidarität unter Debatten zu begraben?

  • Differenzen beleuchten und annehmen. Jede Generation hat(te) andere Ausgangspositionen und letztlich fügt sich alles zusammen.
  • Wertschätzung für die Anderen. Wie cool, dass wir uns alle einsetzen!Den Fokus auf das Gemeinsame legen. Wir alle sehen Ungerechtigkeiten und wollen das ändern.

Frauen vor einigen Jahrzehnten haben Kämpfe begonnen, die für Frauen (und eigentlich alle Menschen) heute immer noch relevant sind. Aber alle müssen an einem Strang ziehen.
Egal wie die genauen Ziele aussehen, mit den Unterschieden als Vielfalt im Hinterkopf, können wir uns auch mit den Feminist*innen der anderen Generationen solidarisieren und von ihren Kämpfen lernen.

Weiterführende Inhalte:

Wikipedia
Der Tagesspiegel – Weniger Gender, mehr Feminismus
taz – Müssen wir Butler verabschieden?
Deutschlandfunk – Wie alt ist der ‘alte’ Feminismus?

Text: Tizia Macia