Finnland startet durch

Sanna Marin ist mit 34 Jahren weltweit die jüngste Person, die an der Spitze eines Landes regiert. Mehr noch: Alle Vertreterinnen der fünf Koalitionsparteien sind Frauen und mehrheitlich unter 40 Jahre. Feministinnen aus aller Welt applaudierten und gratulierten der neuen Premierministerin. Viele versprechen sich weitere Veränderungen und innovative Lösungen. Aber es gibt auch kritische Stimmen, die die Frage aufwerfen, inwiefern die neue Führungsspitze einer tatsächlichen  „Geschlechterdiversität “ entspricht, oder wie man so einer „unerfahrenen“ Frau mit dieser Macht vertrauen kann.

Nach dem „Global Gender Gap“ Bericht des Weltwirtschaftsforums hat es Finnland im Jahr 2019 einen Platz nach vorne geschafft und belegt nun Platz 3 von 149 untersuchten Ländern. Besonders bemerkenswert sind die Errungenschaften in den Bereichen Gesundheit und Bildung, die zur hohen wirtschaftlichen und politischen Beteiligung von Frauen beigetragen haben. Elf von 18 Ministerien werden heute von Frauen geleitet. Marin selbst war zuvor Ministerin für Verkehr und Kommunikation. Fast die Hälfte (47%) der Abgeordneten des Landes sind Frauen. Finnland gehört damit- gemäß dem Europäischen Instituts für Gleichstellungsfragen (EIGE) – gemeinsam mit Belgien, Spanien und Schweden zu den ausgewogen europäischen Parlamenten. Im Vergleich sind in Griechenland, Malta, Ungarn oder Zypern weniger als 20% der Abgeordneten Frauen (EIGE-Gleichstellungsindex 2019).

Insgesamt hat Finnland eine beeindruckende Anzahl an Politikerinnen, die das Potenzial haben, in die oberste politische (und geschäftliche) Führung aufzusteigen. Ein Schlüssel hierfür ist die Kultur der Geschlechtervielfalt. Zwar schließen mehr Frauen als Männer weltweit ein Hochschulstudium und mit besseren Noten ab, doch das ist noch keine Garantie für gesellschaftliche Einflussnahme. Zum einen fehlt oft die „Nachfrage“ des öffentlichen und des privaten Sektors, oder die Frauen entscheiden sich selbst gegen eine Spitzenposition. Deshalb spielen gerade Vorbilder eine bedeutende Rolle. In Island war Vigdis Finnbogadottir die erste und am längsten amtierende Präsidentin der Welt (1980–1996). In dieser Zeit begannen Jungen zu fragen, ob auch Männer  möglicherweise Präsident ihres Landes sein könnten. Auch in diesem Jahr steht Island im Gleichstellungsbericht des Weltwirtschaftsforums wieder auf dem ersten Platz.

Untersuchungen aus den letzten 30 Jahren legen nahe, daß gesetzliche Quotenregelungen und die Art des Wahlsystems über die Vertretung von Frauen in der jeweiligen Regierung oft entscheidend sind. Freiwillige Quoten der Parteien können auch ein wirksames Mittel sein, den Anteil der Frauen in Parlamenten zu erhöhen. Zehn Mitgliedstaaten der Europäischen Union haben bis heute gesetzliche Quoten für ihre Regierungen eingeführt, um das Gleichgewicht der Geschlechter bei der Interessenvertretung in den Parlamenten zu verbessern.  Finnland hat allerdings keine solche Quotenregelung, jedoch sieht das finnische Gleichstellungsgesetz eine Quotenbestimmung vor, nach der Ausschüsse in Staatsverwaltungen, Gremien und anderer öffentlichen Institutionen mit mindestens 40% Frauen und 40% Männern besetzt werden müssen. Finnland war auch das erste europäische Land, das ein allgemeines und gleiches Wahlrecht einführte.

Nach Studien der  Weltbankgruppe gibt es einen signifikanten Zusammenhang zwischen Kinderbetreuungsmöglichkeiten und Vertretung von Frauen in Parlamenten: Auf der einen Seite zeigte es sich, daß staatliche Unterstützung, familienfreundliche Arbeitgeber und die Schaffung eines genügend großen Angebots von frühzeitigen Kinderbetreuungsmöglichkeiten, die Vertretung von  Frauen in den nationalen Parlamenten erhöhte. Oder auch anders gesagt: 25% oder mehr Frauen in Parlamenten erhöht auch die Wahrscheinlichkeit, daß Gesetze erlassen werden, die eine staatliche Unterstützung von Eltern, Arbeitgebern und Kindertagesstätten für die Betreuung von Kindern im Vorschulalter sowie für ältere Altersgruppen vorschreiben. Wie sieht es in Finnland mit der Kinderbetreuung aus? Nur rund 13% der Haushalte meldeten in Finnland einen nicht gedeckten Bedarf für Kinderbetreuung (EIGE). In Portugal haben rund 86% der Haushalte einen nicht gedeckten Bedarf – in Griechenland 60%. Auch ist der Elternurlaub am großzügigsten in Finnland geregelt: Väter haben hier einen Anspruch von 54 Tage bei 70 Prozent ihres vorherigen Gehalts.

Die Welt wird Premierministerin Sanna Marin und ihr neues Kabinett beobachten. Eines ist klar: „Hier sind Frauen an die Macht gekommen, die eine Leidenschaft und den Wunsch haben, Dinge zu ändern. “

Eine längere Version des Artikels (in englischer Sprache) erschien am 12. Dezember 2019 bei Forbes.com.
Carmen Niethammer