In der Männer-Republik: Wie Frauen die Politik eroberten

Ganz gleich wohin man schaut – Frauen haben nicht den gleichen Einfluss auf gesellschaftlich wichtige Entscheidungen wie Männer. Wenn es um die Schaltstellen der Macht geht, sind die Anteile mit fast 70 % männlicher und nur 30 % weiblicher Vertretung ungleich verteilt. Das gilt auch für die Politik. Ein Umstand, der seine Wurzeln in einer langen Tradition hat, wie das aktuelle Buch „In der Männerrepublik“ aufzeigt. Eine Rezension von Julia Korbik.

Es war einmal, vor langer Zeit – aber so lange nun auch nicht –, in einem Land, das sich Bonner Republik nannte. Dort hatten Männer das Sagen und Frauen das Nachsehen. Politik war Männersache und wie sich das für die dort vertretenen Frauen anfühlte, darüber schreibt der Autor und Dokumentarfilmer Torsten Körner in seinem neuen Buch In der Männer-Republik. Wie Frauen die Politik eroberten. Es erzählt die politische Geschichte Deutschlands aus weiblicher Perspektive – eine Perspektive, die bisher immer zu kurz gekommen ist. In Körners Worten: „Frauen kamen in diesem demokratischen Chor kaum vor. Sie schienen nur an den Rändern zu wirken, keine echte Machtchance zu besitzen, schrieben offenbar keine große Geschichte und verschwanden mit ihren Biografien viel schneller in der politischen Versenkung als die Kraftkerle auf der Regierungsbank.“

Körner selbst wurde diese Tatsache bewusst, als er vor einigen Jahren für eine Willy-Brandt-Biografie recherchierte und dafür mit vielen Zeitzeuginnen sprach, ob Politikerin oder die typische „Frau an seiner Seite“. Dadurch, so Körner, habe sich sein Blick auf die Bonner Republik verändert – ihre politische Geschichte erschien ihm nun als verkürzt und einseitig. Körners Ziel ist es deshalb, Politikerinnen sichtbar zu machen, ihnen den Platz in der deutschen Geschichte zu geben, den sie verdienen. Und: „Es geht darum, zu verstehen, warum es bis heute vielen Männern und Frauen so schwer fällt, die Leistungen von Politikerinnen anzuerkennen, warum es angehenden Politikerinnen mitunter an weiblichen Vorbildern fehlt und warum es immer noch zu wenige Frauen an der Schaltstellen der Macht gibt.“ Wenn Frauen sich immer noch weniger für Politik interessieren würden als Männer, so Körner, sei das kein „angeborenes Desinteresse“ – sondern „das Ergebnis männlicher Diskurse, Erzähler und Narrative“. Und diese Art männlichen Erzählens setze sich bis heute fort.

Von Jeanne d’Arcs und Hosenträgerinnen

Dass es in der Bonner Republik durchaus jede Menge interessante und wichtige Frauen gegeben hat, zeigt Körner auf fast jeder Seite seines unterhaltsamen und gut recherchierten Buches. Dabei arbeitet er sich weniger chronologisch vor als vielmehr thematisch – was den schönen Vorteil hat, dass sich gut in einzelne Kapitel reinlesen lässt. Und in diesen Kapiteln finden sich ganz unterschiedliche Frauen aus ganz unterschiedlichen Parteien. Da ist zum Beispiel Elisabeth Schwarzhaupt von der CDU, von 1961 bis 1966 Bundesministerin für Gesundheitswesen und damit die erste Frau, die ein Bundesministeramt bekleidete. Oder Maria Probst, Witwe, alleinerziehende Mutter und seit 1949 CSU-Bundestagsabgeordnete, die auf einer Wahlveranstaltung sagte: „Meine Frauen, als wir haben es erlebt, dass die einseitige männliche Politik eine Quelle des Verderbens ist. Wir stehen heute vor den Ruinen Europas.“ Oder Petra Kelly, die 1983 mit den Grünen in den Bundestag einzog – eine „Jeanne d’Arc des Atomzeitalters“. Oder Ingrid Matthäus-Maier, die von der FDP zur SPD wechselte und als erste Parlamentarierin im Bonner Bundeshaus ihr Kind stillte. Oder die SPD-Abgeordnete Lenelotte von Bothmer, die 1970 als erste Frau im Bundestag eine Hose trug.

In der Männer-Republik ist voller inspirierender Frauen – und voller Geschichten, bei denen man fassungslos den Kopf schütteln will. Es sind Geschichten, in denen Frauen immer und immer wieder zum Schweigen gebracht, lächerlich gemacht, auf ihr Äußeres reduziert und, klar, nicht ernst genommen werden. Sie müssen sich Sätze anhören wie „Mit dir will ja eh keiner pennen“ oder werden dafür kritisiert, dass sie sich nicht von Kollegen an den Busen grabschen lassen wollen. Der lesbischen CDU-Abgeordneten Renate Hellwig raten Parteifreunde Anfang der 1980er, sich doch besser nicht zu outen, sonst müsse man sie fallen lassen. Als die Grüne Waltraud Schoppe 1983 im Bundestag über Vergewaltigungen und Sexismus spricht, können sich die Abgeordneten (sowohl Männer als auch Frauen) vor Lachen kaum noch halten, „Liebesparlament“-Zwischenrufe ertönen – die Damen und Herren denken beim Begriff „Sexismus“ schlicht an „Sex“. Im Internationalen Frühshoppen, der prägendsten politischen Fernsehsendung der Bonner Republik, plaudert selbstverständlich ein Mann (Werner Höfer) mit seinen ebenfalls meist ausschließlich männlichen Gästen (Journalisten aus verschiedenen Ländern) und lässt sich dabei von weiblicher Bedienung in Schürzen mit Rheinwein versorgen. Ein gelebter Herrenwitz.

Anpassen oder Auffallen?

Torsten Körner gelingt es, die porträtierten Frauen in ihrer ganzen Vielschichtigkeit und auch Widersprüchlichkeit darzustellen. Oft wählt er für seine Porträts Frauen, die zwar in der gleichen Partei sind, aber einen ganz unterschiedlichen Politikstil pflegen oder auch unterschiedliche Positionen vertreten, so wie die grandes dames der FDP, Lieselotte Funcke und Hildegard Hamm-Brücher. Politikerinnen, das zeigt Körner, stehen alle vor der Frage, wie sie mit ihrer Rolle umgehen wollen: Anpassen oder Auffallen? Das Spiel der Männer mitspielen – oder ihre eigenen Regeln machen? Nicht alle Politikerinnen haben mit der von ihnen gewählten Methode Erfolg. Was nicht unbedingt mit der Methode zusammenhängt, sondern damit, dass sie Frauen sind. Und es, in den Augen der Männer, eigentlich nur falsch machen können.

In der Männer-Republik ist trotz der vielen haarsträubend-furchtbaren Geschichten und persönlichen Schicksalen von talentierten Frauen, die nie richtig zum Zug kamen, ein inspirierendes Buch. Weil man danach tatsächlich ein vollständigeres Bild bundesdeutscher Politik hat: Im demokratischen Chor sind nun auch weibliche Stimmen zu vernehmen. Und weil man potentielle Vorbilder entdeckt, Frauen, die bisher noch nicht die ihnen gebührende Aufmerksamkeit bekommen haben. Das Buch zeigt, dass wir auf der Suche nach weiblichen politischen Vorbildern nicht immer nur auf andere Länder, nicht immer nur auf, beispielsweise, eine Alexandria Ocasio-Cortez gucken müssen. Hier, in Deutschland, gibt es sie nämlich auch: Die Frauen, die darum kämpfen, dass Politik ein bisschen weniger aussieht wie ein alter weißer Mann. Die Dinge verändern wollen, die den Kampf um politische Gleichberechtigung weiterführen. Wie sagte schon die ehemalige Bundesgesundheitsministerin Käte Strobel: „Politik ist eine viel zu ernste Sache, als dass man sie allein den Männern überlassen sollte.“

Torsten Körner: In der Männer-Republik. Wie Frauen die Politik eroberten, erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 22 Euro.

Von Julia Korbik erstmals erschienen auf LIBERTINE.